Sopranistin Vera-Lotte Böcker
Sopranistin Vera-Lotte Böcker
»Die ideale Vorbereitung für einen Opernbesuch besteht vielleicht darin, sich wirklich auf Gefühle einzulassen – bereit zu sein, sich überwältigen zu lassen, zu weinen, zu lachen, zu staunen.«
Liebe Vera-Lotte, Du hast zunächst Philosophie und Literatur an der Humboldt-Universität studiert, bevor Du den Weg zur Gesangsausbildung einschlugst. Was war der entscheidende Moment, in dem Dir klar wurde: Die Oper ist mein Leben?
Damals hatte ich bereits Gesang studiert, aber natürlich keinerlei Bühnenerfahrung. Im Studium haben wir mit Pianisten gesungen und an Repertoire gearbeitet – das habe ich immer als etwas »trocken« empfunden. Und dann gab es den Moment, in dem ich in einer Kinderproduktion von »Hänsel und Gretel« die Gretel gesungen habe. Es war eine echte Kinderproduktion: Kinder haben im Orchester gespielt, vielleicht 15 bis 20, und ich war vor der ersten Probe unglaublich aufgeregt. Ich hatte Angst, meine Einsätze nicht zu finden, und machte mir Gedanken, ob die Stimme tragen würde. Und dann stand ich da, auf der ersten Probe. Die Kinder gaben ihr Bestes auf ihren Instrumenten – um allerdings bei der Wahrheit zu bleiben, muss ich sagen, dass es ziemlich lustig klang. Nichts war sauber gespielt, nichts klang auch nur annähernd so wie die Orchesteraufnahmen von Hänsel und Gretel, die ich mir angehört hatte. Und trotzdem sind mir die Tränen in die Augen geschossen – vor Glück und vor Freude – als ich die ersten Töne zu diesen Klängen gesungen habe. Es war überwältigend, dieses Gefühl, zum ersten Mal mit einem lebendigen Orchester zu singen, und ich habe es unendlich genossen. Das war der Moment, in dem ich wusste: Wenn ich mich schon so fühle mit 15 Kindern, die noch nicht wahnsinnig viel Erfahrung auf ihren Instrumenten besitzen, dann muss das Singen mit einem Opernorchester einfach herrlich sein. Und das ist es tatsächlich. Ich liebe das an meinem Beruf am meisten – die Verschmelzung der Stimme mit dem Orchesterklang, mit diesem riesigen Klangkörper gemeinsam zu musizieren, zu atmen und den Abend zu gestalten.
Dein Repertoire reicht von Mozart und Verdi bis zur zeitgenössischen Musik — von klassischer Oper bis zu Uraufführungen. Wo fühlt sich Deine Stimme am meisten zuhause, und warum?
Ich glaube, bei Richard Strauss fühle ich mich besonders wohl – aber eigentlich gibt es keinen Komponisten, bei dem ich sagen würde, das sei unsingbar oder fühle sich wahnsinnig schlecht an. Es ist immer ein Prozess, eine Partie muskulär und psychologisch im Körper zu verankern. Ich gehöre zu der Sorte Sänger, die gern ein halbes Jahr vor Probenbeginn mit einer Partie beginnen – gerade natürlich, wenn es sich um zeitgenössische Musik handelt, da braucht es nochmals länger, bis alles »bequem« in der Stimme sitzt.
Es gibt natürlich Komponisten, die wirklich etwas von der Stimme verstanden haben, und es gibt Komponisten, die ich nicht weniger schätze – wie Schumann oder Beethoven – die zunächst »sperrig« erscheinen. Ich glaube, als Sänger spürt man, ob ein Komponist in enger Zusammenarbeit mit Sängern komponiert hat oder eher für sich allein. Bei Verdi, bei Strauss – da fühlt man, wie gut sie die Stimme als Instrument kannten. Aber es liegt auch ein besonderer Reiz darin, eine zunächst unsanglichere Partie so zu gestalten, dass sie sich am Ende richtig gut anfühlt beim Singen.
2022 kürte die Opernwelt Dich durch eine Kritikerumfrage zur Sängerin des Jahres — für Deine Leistung als Nadja in Haas' Oper Bluthaus. Was bedeutet Dir diese Anerkennung, und verändert so ein Preis den Blick auf die eigene Arbeit?
Das war damals eine große Überraschung – ich hätte damit nie gerechnet. Gerade dieses Stück hat mich tatsächlich an meine Grenzen gebracht, psychisch wie physisch. Ich habe während der Proben stark mit mir gehadert und viel Mut gebraucht, um diese Partie auf die Bühne zu bringen. Dass dann sowohl das Publikum als auch die Kritik so positiv reagiert haben, war natürlich besonders schön. Letztendlich hat mich diese Erfahrung darin bestärkt, weiterhin als Sängerin Geschichten zu erzählen, die ich als relevant empfinde – Geschichten, zu denen ich wirklich etwas zu sagen habe. Dann bin ich besonders überzeugend, und dann empfinde ich mich auch als jemand, der etwas zu einem gesellschaftlichen Diskurs beizutragen hat.
Wenn jemand zum ersten Mal eine Oper live erleben möchte — welches Werk würdest Du empfehlen, und wie bereitet man sich am besten darauf vor, damit der Abend wirklich unvergesslich wird?
Oh, das ist eine schwierige Frage! Meine allererste Oper war Wagners »Tristan«, und sie hat mich derart begeistert, dass ich nie wieder von der Oper losgekommen bin – allerdings ist »Tristan« auch ein ganz schön langes Stück und dadurch für einen Opernneuling vielleicht eine Herausforderung. Ich glaube, mit Verdis »La Traviata« kann man nicht viel falsch machen: Die Musik ist überwältigend schön, und die Geschichte hält auch für uns heutige Menschen viel zum Nachdenken bereit.
Die ideale Vorbereitung für einen Opernbesuch besteht vielleicht darin, sich wirklich auf Gefühle einzulassen – bereit zu sein, sich überwältigen zu lassen, zu weinen, zu lachen, zu staunen. Oper ist eine Kunstform für alle Sinne: der Klang des Orchesters, das Bühnenbild, die Kostüme, die menschliche Stimme – das alles kann einen regelrecht berauschen. Und es geht meistens um die ganz großen Dinge im Leben. Also: vielleicht ein Taschentuch mitnehmen, falls man weinen muss.
ADAC Reisen für Musikfreunde bringt Menschen zu den großen Opernhäusern Europas. Welche Bühne hat Dich als Künstlerin am stärksten geprägt — und was sollte jeder Musikreisende dort unbedingt erleben?
Jedes Haus hat seinen eigenen, speziellen Reiz! Mich haben vielleicht meine Erfahrungen in München und Wien am meisten geprägt. München, weil ich dort das erste Mal ziemlich unverhofft eine große Partie singen durfte, als ich noch neu in diesem Beruf war – das war ein wunderschönes Erlebnis. Außerdem ist die Akustik in München außergewöhnlich gut; es singt sich dort »leicht«.
In Wien begegnet man einem sehr leidenschaftlichen und kenntnisreichen Publikum. Dort gibt es noch die Stehplätze, wo sich die echten Fans und Kenner tummeln – das allein kann ein Erlebnis sein. Außerdem sitzt das Orchester in Wien recht hoch, sodass das Publikum auch die Musiker während der Vorstellung sehen kann.
Aber jede Bühne hat ihren Reiz und ihre Eigenheiten, und es lohnt sich definitiv, als Musikreisender die großen Häuser mit ihren jeweiligen Besonderheiten zu entdecken.
Vielen Dank für das Gespräch!







