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Dirigentin Marie Jacquot

Dirigentin Marie Jacquot

  • Foto: Julia Wesely
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11. August 2026

Dirigentin Marie Jacquot

Marie Jacquot übernimmt ab 2026 als erste Chefdirigentin in der Geschichte des WDR Sinfonieorchesters Köln eine der renommiertesten Positionen im deutschen Musikleben. Im Gespräch erzählt sie, was der Leistungssport sie über Disziplin und Konzentration gelehrt hat, warum sie sich für vergessene Werke abseits des Kanons stark macht – und was sie dem Orchester klanglich wie menschlich mitgeben möchte.

Sie haben als Jugendliche zwischen einer Tennis-Profikarriere und der Musik gestanden – was hat schließlich den Ausschlag für die Musik gegeben, und gibt es aus dem Leistungssport Dinge, die Ihnen als Dirigentin heute noch helfen?

Tennis ist ein Einzelkampf. Es geht nur um Leistung, nur ums Gewinnen. Ich habe es lange geliebt, es war für mich vor allem ein Spiel, bis zu dem Punkt, wo der Wettbewerb zu schwer wurde. Dieser Moment, an dem der Sport aufgehört hat, ein Spiel zu sein, war letztlich auch der Moment, an dem sich für mich die Waage in Richtung Musik geneigt hat.

Trotzdem hat mir der Leistungssport sehr viel beigebracht, was ich heute noch benutze, vielleicht sogar mehr, als mir damals bewusst war. Zum Beispiel Disziplin: die Fähigkeit, jeden Tag wieder an derselben Sache zu arbeiten, auch wenn es keine sichtbaren Fortschritte gibt. Vorbereitung: man tritt nicht unvorbereitet an, weder auf den Platz noch aufs Podium. Konzentration: dieses Vermögen, in einem entscheidenden Moment ganz präsent zu sein, ohne sich von Störungen ablenken zu lassen. Und die écoute de soi, das Hören auf sich selbst, dieses ständige innere Abhorchen: Wo stehe ich gerade, was brauche ich, was funktioniert und was nicht. All das sind Dinge, die für das Dirigieren wichtig sind und noch viel mehr.

Der Wechsel von der Posaune zum Dirigierpult ist ungewöhnlich. Wie hat Sie die Erfahrung als Orchestermusikerin darin geprägt, wie Sie heute vor einem Orchester stehen?

Mit zehn Jahren habe ich angefangen, im Blasorchester zu spielen. Diesen Teamgeist habe ich von Anfang an sehr geliebt. Ein paar Jahre später durfte ich dann auch im Sinfonieorchester mitspielen und war sofort fasziniert von den Bewegungen des Dirigenten. So fing ich an, zu Hause diese Bewegungen nachzumachen. Weil ich sportlich war und einen besonderen Zugang zu meinen Armen hatte, fühlte es sich fast natürlich an.

Ich blieb aber weiter im Orchester sitzen, und genau das war entscheidend: Von dort aus konnte ich nach und nach viel mehr verstehen, als ich es je von außen hätte lernen können. Ich habe versucht, sehr genau zu beobachten, die guten Dinge für mich zu behalten und zu lernen, was man besser vermeiden sollte. Diese Perspektive, von innen aus dem Orchester heraus, prägt bis heute, wie ich vor einem Orchester stehe: Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu sitzen.

Ein zentrales Anliegen ist Ihnen die Wiederentdeckung zu Unrecht vergessener Werke, etwa von Amy Beach oder Kurt Weill. Wie finden Sie solche Werke, und was macht für Sie ein „vergessenes Meisterwerk” aus?

Neugier spielt eine zentrale Rolle in meinem Leben, und genau diese Neugier möchte ich auch beim Publikum wecken: Nicht immer dieselben Stücke hören, sondern auch Raritäten. Ich sehe es fast als meine Pflicht, das Ohr des Publikums immer weiter zu bilden. Ich höre selbst sehr viel Musik an und habe große Freude daran, auf YouTube nach unbekannten Stücken zu suchen. Außerdem kenne ich Menschen, die sich für dasselbe interessieren, und wir stehen darüber im Austausch. So entdeckt man vieles, das sonst leicht übersehen wird. Was ein vergessenes Meisterwerk ausmacht, ist schwer zu sagen. Es müssen ja nicht unbedingt Meisterwerke im strengen Sinn sein, es gibt sicher viele Gründe, warum manche Stücke in die Ewigkeit eingehen und andere nicht. Aber wenn wir wirklich genau wüssten, was ein Meisterwerk ausmacht, würden Komponisten ja von heute an nur noch Meisterwerke schreiben. Aber es gibt trotzdem sehr viele Stücke, die es verdient hätten, öfter gespielt zu werden.

2026 übernehmen Sie das WDR Sinfonieorchester Köln als erste Chefdirigentin in dessen Geschichte. Was möchten Sie diesem Orchester mitgeben – klanglich wie auch als Institution?

Klanglich liegt für mich ein klarer Schwerpunkt in der deutschen Romantik. Ich bin zwar in Frankreich geboren, habe aber den größten Teil meiner musikalischen Ausbildung in Österreich und den Anfang meiner Karriere in Deutschland verbracht. Es wäre also ein Versäumnis, diese Stärke nicht auszuspielen. Diesen Weg sind wir mit dem Orchester bereits gegangen, mit einer Aufnahme von Bruckners Siebter Symphonie, die auf YouTube zu finden ist und bald auf CD bei Linn Records erscheint. Als Institution ist mir vor allem wichtig, an die Geschichte des WDR Sinfonieorchesters anzuknüpfen, das ja eine lange Tradition der Uraufführungen hat: Stockhausen, Henze, Kagel und viele andere. Diese Offenheit für Neues möchte ich weiterführen, weil es mir ein zentrales Anliegen ist, das Publikum mit meiner eigenen Neugier anzustecken und seinen Geschmack zu erweitern. Und ganz grundsätzlich: Ich möchte jedem Musiker und jeder Musikerin einen Platz und ein Klima geben, in dem er oder sie die eigene Individualität und Kunst ausdrücken kann und das zugleich in den Dienst der Gruppe und der Musik stellt. Ich bin dabei keine Revolutionärin, die Tradition brechen will. Ich will sie weiterentwickeln, nicht zerstören.

Sie dirigieren sowohl Oper als auch Konzert. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit im Graben von der auf dem Konzertpodium?

Die Oper liebe ich vor allem, weil wir dort die Chance haben, mit ganz unterschiedlichen Gewerken zusammenzuarbeiten, Regie, Bühne, Gesang, Orchester usw. Das verlangt einen großen Teamgeist, und im Idealfall, wenn alle bereit sind, das eigene Ego zurückzustellen zugunsten der Produktion, wird daraus eine unvergessliche menschliche und musikalische Erfahrung. Im Graben zu stehen bedeutet, sich einzufügen, zuzuhören, mit vielen verschiedenen Kräften gleichzeitig zu atmen. Das symphonische Repertoire dagegen, besonders als Chefdirigentin eines Orchesters, gibt mir die Möglichkeit, die Identität eines Orchesters über Zeit mitzuformen und tiefer in die Ausführung der Musik zu gehen, weil ich meine Musikerinnen und Musiker kenne, und sie mich. Auf dem Podium entsteht dadurch eine andere Art von Nähe, eine Arbeit, die sich über Monate und Jahre entwickelt. Ich könnte mir meine Laufbahn heute nicht mehr ohne beides vorstellen, Oper und Symphonik. Es ist eine gegenseitige Bereicherung, die mich zu einer besseren Musikerin macht, und, glaube ich, auch zu einem besseren Menschen.

 Herzlichen Dank für das Gespräch!

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