Countertenor Nils Wanderer
Countertenor Nils Wanderer
»Ich liebe die Verbindung der verschiedenen künstlerischen Sparten sehr und glaube, dass dieser Brückenschlag sehr viel Potential birgt, um wirklich neue Wege gehen zu können.«
Nils Wanderer bezeichnet sich selbst als »Wanderer zwischen den Welten« und spricht dabei nicht nur von der Vielfältigkeit seines Schaffens, sondern auch über die Lust, unterschiedliche Genres zu bedienen und damit unsere vielfältige Gesellschaft anzusprechen. In unserem Blog erzählt der Sänger über die Geschichte der Countertenöre, warum er nicht nur Opernsänger ist und wie er mehr Menschen in die Oper locken möchte.
Lieber Nils, als Countertenor unterliegst Du einem sehr speziellen Repertoire und bist vor allem in der Barockmusik zuhause. Kannst Du etwas zum historischen Hintergrund dieser Stimmlage erzählen und erklären, was genau ein Countertenor ist?
Wir Countertenöre stehen in der Tradition der Kastraten. In der Hochkultur des Römischen Reiches wurden Jünglinge kastriert, um deren helle Knabenstimmen zu erhalten. Daraus hervor gingen die ersten richtigen «Superstars», die herumgereist sind und Konzerte gegeben haben; einer der Berühmtesten seiner Zeit war der Sänger Farinelli. Die Countertenöre der modernen Zeit sind Sänger, die mit ihrer ausgeprägten Kopfstimme, also dem Falsett, in der Frauenstimmlage singen können, als Sopran, Mezzosopran und Alt. Es ist eine spezielle Gesangstechnik und auch Veranlagung, die diese besondere Ausprägung der Kopfstimme mit der Verbindung zur Bruststimme möglich machen. Das Repertoire reicht von Barock bis in die Moderne, was ich sehr schön finde, denn dadurch ist es mir einerseits möglich, die Tradition zu pflegen, aber eben andererseits auch neue Wege zu gehen. Man konnte im letzten Jahrzehnt einen gewissen Aufschwung spüren – es gibt definitiv immer mehr Sänger in diesem Stimmfach, es werden aber auch mehr Opernrollen für Countertenöre geschrieben, bzw. mit Countertenören besetzt. Selbst ein Cherubino in Mozarts »Le Nozze di Figaro«, traditionell mit einer Mezzosopranistin besetzt, wird jetzt schon mal von einem Countertenor gesungen.
Du hast einige sehr renommierte Gesangswettbewerbe gewonnen, beispielweise hast Du 2022 bei Plácido Domingos »Operalia« als erster Countertenor den zweiten Preis erhalten. Was hat sich seitdem für Dich und Deine Karriere verändert?
Ich habe schon das Gefühl, dass insbesondere »Operalia« eine Art Qualitätssiegel für viele darstellt. Man muss dazu sagen, dass ich bei »Operalia« ein absolut untypisches Repertoire gesungen habe, weder Bravourarien noch Standart-Hits, sondern ich habe Stücke gesungen, die eine gewisse Emotionalität transportieren. Ich fand es bemerkenswert, dass das so angenommen worden ist, und dadurch öffnen sich mir jetzt besondere Türen: Nicht nur zu Rollen, sondern auch zu anderen Projekten. Ich war beispielsweise »Artist in Residence« am Theater Schwerin und durfte dort mein ganz eigenes Projekt auf die Bühne bringen, als Regisseur. Diese Vielfältigkeit wurde durch »Operalia« schon sehr gefördert.
Du bist also nicht ausschließlich Sänger, sondern auch Regisseur?
Ich arbeite als Sänger, Schauspieler, Regisseur und Choreograph. Früher war ich Leistungstänzer, habe dann sehr viel als Schauspieler gearbeitet und schließlich Gesang studiert. In den letzten Jahren habe ich auch immer mehr inszeniert. Ich liebe die Verbindung der verschiedenen künstlerischen Sparten sehr und glaube, dass dieser Brückenschlag sehr viel Potential birgt, um wirklich neue Wege gehen zu können. Wenn man mich fragen würde, was ich beruflich mache, würde ich wohl immer damit antworten, dass ich Künstler bin, denn es ist schwierig für mich, meine unterschiedlichen Tätigkeiten zu trennen. Wenn ich z.B. eine bestimmte Opernrolle probe, dann hilft mir mein tänzerischer Hintergrund dabei, wie ich mich auf der Bühne bewege. Ich habe mich nie «nur» als Opernsänger gesehen, obwohl es natürlich mein Leben ist. Es ist einfach so, dass als Opernsänger alle meine Tätigkeiten und Passionen am besten vereint sind.
Wo findest Du Inspiration für Deine verschiedenen Projekte?
Das Glück, soviel reisen zu dürfen bringt mit sich, dass ich sehr viele Menschen und Orte kennenlerne. Als Künstler ist man außerdem sowieso den ganzen Tag von Kunst und Kultur umgeben, lebt von diesen Eindrücken und trägt sie mit sich. Für mich ist der Mensch die größte Inspiration und ich bin dafür bekannt, dass ich in meinen Inszenierungen sehr viel mit Menschen arbeite. Die Unterschiedlichkeiten des menschlichen Körpers faszinieren mich. Außerdem hole ich mir auch viel aus der Natur; ich komme vom Land und brauche das, um kreativ arbeiten zu können.
Empfindest Du die Oper generell als konservativ, oder glaubst Du, dass sich das ändert?
Auf der einen Seite finde ich es sehr wichtig zu betonen, dass Qualität zeitlos ist. Gesangliche und darstellerische Qualität sind niemals konservativ, altmodisch oder neumodisch. Da kann die Inszenierung modern oder traditionell sein; ich glaube, dass wenn Darsteller und Stimme eine gewisse Qualität hergeben, drumherum grundsätzlich ganz viel passieren darf. Ich persönlich liebe die Tradition und finde es sehr wichtig, diese zu bewahren, bin aber auch dafür, neue Feuer hineinzublasen. Es braucht eine gewisse Aktualität in der Oper; wir müssen Menschen aus verschiedensten sozialen und kulturellen Umfeldern ansprechen und widerspiegeln. Ich würde mir wünschen, dass mehr junge Komponisten und Librettisten die Chance bekommen, aufgeführt zu werden und unsere Gesellschaft zu erreichen, vielleicht sogar Genre-übergreifend. So kann man vielleicht auch Menschen, die erstmal keine »Opernfans« sind, in die Oper locken! Ich habe 2023 im Berliner Theater des Westens den Todesengel in dem Musical »Romeo und Julia« von Peter Plate und Ulf Leo Sommer gesungen. Dort habe ich ganz viele Menschen erreicht, die sonst nicht in die Oper gehen. Die haben jetzt Lust und reisen tatsächlich zu verschiedenen Produktionen von mir. Wenn man das als Künstler erreichen kann, hat man schon ganz viel gewonnen!
Warum ist die Oper heutzutage immer noch so relevant für unsere Gesellschaft?
Jede Form von Kultur ist relevant für die Gesellschaft, weil das immer ein Weg ist, mit Menschen zu kommunizieren und sich weiterzubilden. Es fordert die Menschen dazu auf, sich mit sich und anderen auseinanderzusetzen. Oper ist ein Sprachrohr, ein Politikum, man muss es nur nutzen!
Herzlichen Dank für das Gespräch!










