Sopranistin Louise Alder
Sopranistin Louise Alder
»Generell möchte ich, dass meine Verkörperung einer Rolle realistisch ist und ich glaube, dass man in der Darstellung eine gewisse Ehrlichkeit finden muss, um das Publikum emotional zu erreichen.«
Liebe Louise,
wir haben uns an der Oper Frankfurt kennengelernt, wo Du einige Jahre fest im Ensemble warst. Man hatte damals das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein. Nun arbeitest Du freiberuflich an unterschiedlichen Opern- und Konzerthäusern. Wie wichtig ist es für Dich, dass Du etwas Vertrautes an Deinem Arbeitsort hast?
Ich persönlich brauche eine Kombination aus beidem. Einerseits arbeite ich gerne an Opernhäusern, die sich wie ein zweites Zuhause anfühlen. Es gibt eine gewisse Art der Wertschätzung, wenn man gute Arbeit leistet und der Gemeinschaft etwas gibt; man kennt jeden und man weiß, wie es sich anfühlt, auf dieser bestimmten Bühne zu singen. Außerdem ist es von großem Vorteil, die Kostümbildner persönlich zu kennen, denn die Art und Weise, wie wir uns auf der Bühne kleiden, hat einen enormen Einfluss auf unser Selbstvertrauen. Andererseits ist es immer aufregend, ein neues Opernhaus und eine unbekannte Stadt zu entdecken; man kann etwas Neues kreieren und das ist inspirierend. Als ich beispielsweise das erste Mal in Madrid gearbeitet habe, war das aufregend! Das Opernhaus, das Wetter, die Menschen, das Essen, alles ist ganz anders als z.B. in deutschen Städten.
Du bist Mutter zweier Töchter. Hilft es Dir, Dich an einem fremden Ort zuhause zu fühlen, wenn Deine Familie dabei ist?
Ich denke, das ist immer von der Situation abhängig. Im ersten Lebensjahr meiner ersten Tochter und auch jetzt bei meiner zweiten Tochter reisen sie fast die ganze Zeit mit mir, weil ich so viel Zeit wie möglich gemeinsam verbringen möchte. Ich habe großes Glück, denn das Netzwerk um mich herum ermöglichte es mir zu reisen, zu arbeiten und mit meiner Familie zusammen zu sein. Allerdings gibt es auch eine Kehrseite: Wenn es sich um ein sehr anspruchsvolles und neues Konzertprogramm oder eine neue Rolle handelt, kann es natürlich stressiger sein, die Kinder dabei zu haben, denn man hat so gut wie keine Zeit für sich selbst. Aber: Es macht für mich einen großen Unterschied, wenn meine Töchter und mein Mann bei mir sind. Bis die Kleinen zur Schule gehen, haben wir diesbezüglich Flexibilität.
In den letzten Jahren hast Du Dir ein breites Repertoire ersungen und die meisten Rollen Deines Fachs auf der Bühne interpretiert. Hast Du eine Lieblingspartie?
Am Herzen liegt mir die »Sophie« aus »Der Rosenkavalier« (Richard Strauss). Strauss und auch Benjamin Britten sind zwei Komponisten, die zwar kompliziert, aber lyrisch und unendlich musikalisch schreiben. Wenn man eine solche Rolle erst einmal richtig erlernt hat, wird man sie nie vergessen. Und natürlich die spannenden Frauenfiguren von Mozart, welche ich immer sehr gerne singe! Diese Rollen sind in meinem Gehirn verankert und ich liebe sie einfach.
Auf der Bühne überzeugst Du nicht nur mit Deiner Stimme, sondern auch mit Deinen darstellerischen Fähigkeiten. Lässt Du Dich bei der Interpretation auf die Emotionen der Rolle ein, oder ist alles »nur Illusion«?
Mit diesem Thema beschäftige ich mich seit einiger Zeit sehr intensiv. Generell möchte ich, dass meine Verkörperung einer Rolle realistisch ist und ich glaube, dass man in der Darstellung eine gewisse Ehrlichkeit finden muss, um das Publikum emotional zu erreichen. Wenn ich jedoch eine Rolle singe, die technisch extrem anspruchsvoll ist, oder ich einen Tag habe, an dem ich mich nicht zu hundert Prozent wohl fühle, lasse ich meine Gesangstechnik und die rationale Seite meines Gehirns übernehmen. Ich habe mir angewöhnt, bei den Proben sehr in die Emotion zu gehen und meine Grenzen auszuloten, sodass ich dann bei der eigentlichen Vorstellung mit achtzig Prozent dieselbe Wirkung erzielen kann, aber meine Stimme geschont wird. Wir Sänger müssen an die Langlebigkeit unserer Karriere denken und wenn ich ständig voller Emotionen singe, wird die Stimme über die Jahre hinweg leiden.
Als Künstlerin bist Du es gewohnt, mit Menschen unterschiedlicher kultureller und politischer Backgrounds zusammen zu arbeiten. Denkst Du, dass Oper politisch relevant für die Gesellschaft ist?
Oper kann auf jeden Fall politisch relevant sein und ist es über die Jahrhunderte auch immer gewesen. Mozart zum Beispiel hat Libretti gewählt, die sehr politisch motiviert waren. Vor allem in Europa finden Künstler immer wieder Wege, politische Statements zu machen. Allerdings wünschen sich die Menschen auch, dass ein Abend in der Oper zur Zerstreuung dient. Das Beste ist eine Balance zu halten und ein bisschen von beidem zu haben; das Publikum soll intellektuell herausgefordert werden, aber es darf auch entspannen und den Zauber von Musik und Fantasie erleben!
Herzlichen Dank für das Gespräch!









