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Die Glasharmonika

Die Glasharmonika

  • Dragon Librarian, eigenes Werk, gemeinfrei, Wikimedia Commons
15. Juli 2026

Die Glasharmonika

Kaum ein Moment der Operngeschichte ist so eng mit einer einzigen Klangfarbe verbunden wie Lucias Wahnsinnsszene in Gaetano Donizettis »Lucia di Lammermoor« (1835). In der Originalpartitur wollte Donizetti diese Szene nicht mit der Flöte begleiten, die heute meist zu hören ist, sondern mit der Glasharmonika – einem Instrument, dessen gläserner, schwebender Klang wie kein anderes die Auflösung einer Psyche hörbar machen kann. Die Glasharmonika wurde 1761 von Benjamin Franklin erfunden. Sie besteht aus einer Reihe rotierender Glasschalen unterschiedlicher Größe, die mit angefeuchteten Fingern berührt werden – ähnlich wie beim Streichen über den Rand eines Weinglases, nur mechanisiert und in voller chromatischer Bandbreite. Der entstehende Ton ist rein, obertonarm und beinahe körperlos. Genau das machte das Instrument im 18. und frühen 19. Jahrhundert berühmt – und berüchtigt: Man sagte ihm nach, er könne Nerven überreizen, Melancholie auslösen, sogar in den Wahnsinn treiben. Manche Städte verboten es zeitweise aus Sorge um die öffentliche Gesundheit.

  • Credit: George Grove, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Donizetti griff diesen Mythos bewusst auf. Wenn Lucia, blutbefleckt und im Geiste bereits jenseits der Realität, ihre halluzinierte Hochzeitsnacht besingt, verschmilzt ihre Stimme mit der Glasharmonika zu einem Duett zweier »unwirklicher« Klänge. Die Kadenz wird dadurch nicht virtuoses Beiwerk, sondern akustisches Sinnbild des Kontrollverlusts.

In der Praxis erwies sich das Instrument jedoch als unzuverlässig und schwer zu beschaffen, weshalb sich schon bald die Flöte als Ersatz durchsetzte – heute die gängige Fassung. Erst seit einigen Jahrzehnten kehren Dirigenten und Regisseure, etwa in Aufführungen mit historischen Instrumenten, zur originalen Klangfarbe zurück. Wer sie einmal gehört hat, versteht sofort, warum Donizetti sie wollte: Kein anderes Instrument lässt eine zerbrechende Seele so gläsern klingen.

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